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  • AutorenbildAndreas Notter

Schwurbeln mit Notter. Heute: das Narrativ

Wollen Sie Ihr Gegenüber beeindrucken? Dann streuen Sie zwischendurch das Wort «Narrativ» - so, wie das die Medien derzeit inflationär tun.



Die närrische Zeit ist zwar schon längst vorbei, doch dauert der Konjunkturzyklus gewisser Begriffe deutlich länger. Das Wort «Narrativ» ist vor einigen Monaten in mein Bewusstsein getreten. Es klingt gescheit und kultiviert, und es attestiert dem Absender Belesenheit und Expertise. Ein Superwort, das in jeder Geschichte gewinnbringend verbraten werden kann:


Die Ukraine-Krise torpediert das Narrativ vom Bitcoin als sicherer Hafen.


Die Welt ist ein sich ständig neu schreibendes Narrativ.


Seitdem ist das Narrativ da: Diese (…) Ukrainer, das sind im Grunde genommen Nazis.


Das Narrativ der Bedrohung durch die Nato-Osterweiterung.


Das Narrativ, das Junge zu den Hauptopfern der Pandemie erklärt, ist falsch.


Es ist mir ein Rätsel, wie die Medien zuvor so lange ohne Narrativ auskommen konnten. Vielleicht hat die Hochkonjunktur des Begriffs auch mit der zunehmenden Dominanz eines Narrs zu tun, der zurzeit im Osten sein Unwesen treibt. Wir wissen es nicht.


Jedenfalls: ein Narr, der «Narrativ» noch nicht verwendet, um sein Gegenüber zu beeindrucken. Im Gespräch mit der Ehefrau: «Das Narrativ der geteilten Hausarbeit entspricht nicht meinem biologischen Konzept, Schatz». Im Gespräch mit dem Nachbarn: «Das Narrativ der Einhaltung des Grenzabstandes entspricht nicht dem Wachstum deiner Pflanzen!» Im Gespräch mit dem besten Kollegen: «Das Narrativ, dass kein Alkohol auch keine Lösung ist, ist (k)ein Mythos.» Sagt nichts, klingt aber gut.


Die Definition zum Terminus «Narrativ» gibt’s übrigens verlässlich auf Wikipedia. Demnach seien Narrative «sinnstiftende Erzählungen». So viel Wohlwollen hätte ich unseren Medienschaffenden nicht attestiert.


So wünsche ich allen mitschwurbelnden Zeitgenossen, allen Närrinnen und narrativen Kommunikatoren ein heiteres Anwenden dieses schönen Begriffs!

310 Ansichten2 Kommentare

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2 Comments


andreas
Mar 05, 2022

Herzlichen Dank für deinen Kommentar, lieber Emil. Ich sehe das wie du: Es handelt sich meist um elitäres Gehabe und den Versuch, sich vom vermeintlich ungebildeten Pöbel abzuheben. Mir schaudert es jedesmal, wenn ich "Narrativ" höre oder lese. In den seltensten Fällen steckt dahinter eine "sinnstiftende Erzählung". Herzlich, Andreas

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emil.annen
emil.annen
Mar 05, 2022

Danke Andreas für den Gedanken. Es geht nicht nur um den Begriff "Narrativ". In Medien, Kommunikation, Marketing und Werbung und anderen Gebieten werden dauernd neue Begriffe eingeführt. Jeder meint, er hätte diese verstanden, weil er ja immer wieder auf diese in den Kommunikationsmittel stösst. Kaum jemand ist aber so selbstkritisch, sich einzugestehen, dass er oder sie den Begriff nicht verstanden hat. Wenn jemand so selbstkritisch wäre, würde er oder sie sich mit solchen Begriffen auseinandersetzen, bis sie richtig verstanden worden sind. Kommt hinzu, dass neue, schlecht verstandene Begriffe in der Kommunikation Distanz und nicht Verständnis schaffen, was entgegen den Kommunikationszielen läuft. Übrigens der Wikipedia-Artikel zum "Narrativ" ist Beispiel für einen hervorragenden Beitrag, der auch wissenschaftlichen Kriterien standhält, was nicht auf…

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